Coachingwahn oder wirkungsvolle Maßnahme

  • Coachingwahn oder wirkungsvolle Personalentwicklung durch coaching? Jürgen Bache kommentiert.

    foto @ alphaspirit / fotolia

    Beitrag von Jürgen Bache: Was müssen Coachs alles noch unternehmen, um ernst genommen und fair dargestellt zu werden? Am 01.10. brachte überraschenderweise der sonst sehr seriös erscheinende Sender 3Sat ein gutes Beispiel für einseitigen und schlechten Journalismus zum Thema Coaching – ausgerechnet als Wissenschaftsdoku.

    Der Titel „Coachingwahn“ lies schon Übles erwarten und bestätigte diese Erwartung auch in weiten Teilen. Trotzdem empfehle ich jeder Kollegin und jedem Kollegen, sich den Film anzusehen. Interessanterweise wurde der Beitrag von einem – offensichtlich über seine Zunftkollegen verärgerten – Journalisten der WELT regelrecht zerlegt. Der sehr lesenswerte Beitrag bringt viele Aspekte auf den Punkt und muss hier nicht mehr wiederholt werden.

    Einige Ergänzungen lohnen sich aber trotzdem:

    Problematisch ist der erzeugte Gesamttenor. Die Bilder am Anfang und am Ende der Sendung bringen Beispiele von Anbietern die nichts mit Coaching zu tun haben und von denen sich jeder der Ahnung von Coaching hat deutlich distanziert. Die dort erwähnten Menschen nennen sich Coachs, sind es aber nicht. Der Film belässt es beim Anschein, dass wohl alles, was sich so nennt auch Coaching ist. Dass es an sehr vielen Stellen eindeutige Aktivitäten gibt, Coaching messbar zu machen, wird leider übersehen.

    Beispielsweise wird im Film von Prof. Kanning behauptet, dass die 20 Verbände – mittlerweile sind es über 30 – es nicht schaffen würden, sich auf eine Definition zu einigen. Das ist aber längst geschehen. Der „Roundtable der Coachingverbände“ hat in sehr aufwändiger Arbeit mit wissenschaftlicher Begleitung (Humboldt Universität zu Berlin, Fachhochschule Nordwestschweiz) Anfang diesen Jahres ein gemeinsames Positionspapier verabschiedet. Damit ist Coaching für die in diesen Verbänden organisierten Coachs – besonders aber auch für die potentiellen Klienten – verbindlich definiert und somit greifbar geworden. Eine sorgfältige Recherche hätte übrigens auch erbracht, dass es schon seit 2011 auf EU-Ebene eine hinterlegte Selbstverpflichtung der weltweit größten Coachingverbände gibt. Dieser „Code of Conduct for Coaching and Mentoring“ wurde nach eingehender Prüfung im September 2011 in die europäische Datenbank für Selbst- und Koregulierungsinitiativen aufgenommen und damit EU-seitig offiziell anerkannt.

    Die Verbände des RTC haben im Interesse ihrer Mitglieder und im Interesse potentieller Coachees ein großes Interesse daran, dass die nicht geschützte Bezeichnung Coach über Selbstverpflichtungen greifbar wird. Die Abgrenzung von den in den ersten Minuten dargestellten selbsternannten „Coachs“ ist auch uns ein großes Anliegen. Schade, dass die ersten Aussagen der Sendung über Coaching mit „Nicht-Coachs“ gestaltet wurden. Coaching grenzt sich eben sehr stark von jeglicher Art von Esotherik ab. Ein Schamane hat mit Coaching nichts zu tun. Viele Outdooraktivitäten sind losgelöst von einem begleitenden Coachingprozess nur Events – als solche sicher nett aber das hat nichts mit Coaching zu tun. Im Film bezeichnet sich einer der Trainer korrekterweise auch als Mentaltrainer und nicht als Coach. Im Film klarzustellen, dass nicht alles was sich Coaching nennt auch Coaching ist, wäre für den Zuschauer sicher hilfreicher gewesen.

    Die Aussagen zur fehlenden wissenschaftlichen Begleitung sind sachlich falsch. Seit Jahren untersuchen verschiedene Wissenschaftler das Thema. Ein Gespräch mit den Herren Prof. Siegfried GreifProf. Harald Geißler , Hamburg oder – besonders hilfreich ein Gespräch mit Frau Prof. Dr. Jutta Heller, Erding,  der Ausrichterin eines regelmäßigen Coaching-Foschungskongresses hätten den Autorinnen weiter geholfen. Auch die Fachhochschule Nordwestschweiz trägt seit Jahren die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Thema Coaching regelmäßig im Coachingkongress zusammen .

    Interessant ist auch, dass die Filmautorinnen vom Autor Erik Lindner (Coaching-Wahn) zwar den Titel ihres Films ohne Hinweis entliehen haben, ihn aber als ausgewiesenen Experten nicht zu Wort kommen lassen. Er schafft es nämlich, den Unterschied zwischen professionellem Coaching und den dargestellten Scharlatanen herauszuarbeiten – und er hat sogar ausführlich mit Coachees über den erfahrenen Nutzen gesprochen. Ein Interview in der Süddeutschen Zeitung von 2011 ist insofern interessant, weil hier der Autor befragt wird und die Ergebnisse einer einjährigen intensiven Recherche darlegt. Er hat sozusagen als Experte das Thema schon vor 5 Jahren ausführlich und sehr kritisch untersucht.

    Wenn das alles verschwiegen wird, liegt die Vermutung einer schlechten Recherche nah – eine tendenziöse Berichterstattung, die mit rasselnden Schamanen natürlich reißerischer wirkt aber auch.

    Die nicht befragten Wissenschaftler, die sehr viel aussagekräftiger als die vorgestellten sind, habe ich bereits erwähnt. Herr Prof. Kanning sagt im Prinzip, dass ein wirtschaftlicher Nutzen noch nicht nachgewiesen wurde. Heißt das automatisch, dass es ihn nicht gibt? Die Messbarkeit des Nutzens von Soft-Skills beschäftigt die Wissenschaft seit Jahren. Trotzdem weiß jede gute Führungskraft, wie wichtig sie im Alltag sind.

    Herr Prof. Stephan äußert sich überwiegend positiv zum professionellen Coaching. Ein echter Blick in seine „Marburger Studien“ erhärtet das Bild. Welches Ziel hat dann aber der wertende und relativierende Kommentar des Sprechers?

    Besonders interessant ist die Untersuchung von Frau Prof. Möller. Sie wirft den Instituten vor, dass sie nicht bereit waren, ihr alle Unterlagen / Curricula zu den Coachingausbildungen zuzusenden und offen zu legen. Den Einwand, dass wohl niemand einfach so alle seine Geschäftsunterlagen offen legen würde, ließ sie nicht gelten – da haben die Ausbilder wohl etwas zu verbergen…

    Wenn sie bereit gewesen wäre sich bei seriösen Anbietern vor Ort ein Bild zu machen, hätte sie viel erfahren können. Es gibt viele Institute, die sich gerne in die Karten schauen lassen – aber bitte vor Ort im Gespräch.

    Die angesprochenen Aspekte decken nur einen Teil ab, es gäbe viel mehr zu sagen. Coaching hat sich zu einer seriösen und sehr hilfreichen Branche entwickelt – die nur leider nicht geschützt ist – auch nicht vor tendenziösem Journalismus.

     

    Jürgen BacheAutor des Beitrags: Jürgen Bache

    Zertifizierter Management-Coach

    1. Vorsitzender ICF-Deutschland e.V.

    http://www.coachfederation.de

     

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    International Coach Federation – Förderung der Kunst, Wissenschaft und Praxis des professionellen Coachings

    Die International Coach Federation (ICF) ist der weltweit größte Verband für professionelle Coachs. Ausdruck dieser Professionalität ist die Bereitschaft, ihre Arbeit an den einzig international anerkannten beruflichen und ethischen Richtlinien messen zu lassen. Darüber hinaus steht die ICF für ein internationales Zertifizierungssystem, das seit 1995 die Standards für Qualität im Coaching setzt.

 

1 Comment

 

  1. Dr. Rolf Meier 15. November 2015 Antworten

    Hallo Herr Bache,

    prima, dass Sie sich als Person - aber auch als Vorsitzender eines der vier bedeutsamen Coachingverbände in Deutschland zu Wort melden. Der Sach- und Fachverstand ist in den Medien zum Thema Coaching kaum vorhanden. Auf universitärer Seite gibt es auch viel Einseitigkeit und das Bemühen die Deutungshoheit zu erlangen.
    Eigentlich schade, wenn man bedenkt, dass es um das Wertvollste geht, was eine Nation besitzt: den einzelnen Menschen.
    Bleiben Sie tapfer!

    Beste Grüße
    Dr. Rolf Meier
    P.S. ...übrigens: bei Frau Prof. Möller habe ich nicht mitgemacht, weil ich auf Grund persönlicher Erfahrungen nicht wußte, wie mit meinen Unterlagen umgegangen wird. Aber ist ja nicht weiter schlimm, denn alles über mein Coachingverständnis ist ohne Einschränkung veröffentlicht. Sie kennt es und hätte sich drum kümmern können.

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